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Selbstmord

Kurt Cobain, der Sänger und Gitarrist der Erfolgsband Nirvana, ist spätestens nach seinem Selbstmord im Frühjahr 1994 zur bedeutendsten Rock-Ikone der neunziger Jahre geworden. Nun sind seine «Tagebücher» erschienen - ein Textkonvolut aus Notizen, Briefen und Songtexten, das manche Lücken aufweist. Die Texte machen deutlich, wie sich die Wut des Rock-Rebellen gegen die eigene Existenz kehrte.

Kurt Cobains Leben bietet alles, woraus sich große Pop-Mythen speisen, einschließlich des rätselhaften Selbstmords, der der zerrissenen Existenz des Stars einen düsteren Schlussklang verlieh. Bereits zu Lebzeiten wurde er als amerikanische Pop-Rock-Ikone gefeiert. Und mochte er sich dabei, wie er schrieb, als «Knallkopf» fühlen - wie sehr der Sänger und Gitarrist von Nirvana zur Stimme einer Generation wurde, als er mit den harten Riffs etwa von «Smells Like Teen Spirit» die diffusen Stimmungslagen der beginnenden Neunziger einfing, beweisen die Affekte, die er ein Jahrzehnt später noch immer auslöst.

Bei vielen eingefleischten Nirvana-Fans allerdings gelten starke Affekte - in anderer Weise - auch der Frau, von der sie glauben, dass sie Cobains Verhängnis war. Courtney Love, Sängerin der bis zu ihrer Ehe mit Cobain nur mäßig erfolgreichen Indie-Band Hole, stand von Anfang an im Ruf, nur den eigenen Erfolg zu lieben und wie ein böser Dämon über Cobain und Nirvana gekommen zu sein. Als über die Band, die Cobain 1987 mit Krist Novoselic gegründet hatte, mit dem zweiten Album, «Nevermind» (1991), plötzlich der grosse Erfolg hereinbrach, war jedenfalls auch Courtney Love in Cobains Leben aufgetaucht. Viele sind sich sicher, dass es auf ihr intrigantes Wirken zurückzuführen war, als Cobain im Frühjahr 1992 auf Kosten der anderen plötzlich neue Tantièmen-Regelungen in der Band durchsetzte. Und einige sind felsenfest überzeugt, ihr übler Einfluss habe ihn in die Heroinsucht und schließlich in den Selbstmord getrieben.

Wie Kurt Cobains Leben bis zum 5. April des Jahres 1994 wirklich verlief, als er mit einer Kugel im Kopf tot in ihrem gemeinsamen Haus in Seattle lag, wird auch durch seine «Tagebücher» nicht viel klarer, die jetzt herausgekommen sind. Dass sie die Rätsel keineswegs entwirren, hat mehrere Ursachen. Schon die amerikanische Originalausgabe enthält nur Bruchteile der Briefentwürfe, Comics, Notizen und Songtexte, die Cobain seit 1988 auf rund zwanzig Schreibblöcke gekritzelt hatte. Davon bietet die deutsche Übersetzung wiederum nur eine Auswahl. Dass man zwar versuchte, das Material chronologisch zu ordnen, dass es aber samt und sonders undatiert ist, erleichtert es auch nicht gerade, ein genaueres Bild davon zu bekommen, was ihn nach und nach in den Abgrund zog.

Neben der Unvollständigkeit lastet auf den publizierten «Tagebüchern» noch eine zweite Hypothek: Dass sie überhaupt veröffentlicht wurden, widerspricht eigentlich Cobains eigenem Willen. Den Puristen unter Cobains Fans wird es jedenfalls gegen den Strich gehen, dass sein Versuch, sich eine vom «hämischen Klatsch-» und «Trash-Journalismus» geschützte Sphäre zu erhalten, nun postum abermals unterminiert wird. Damit mögen sie zwar die Realitäten des Pop- Business gründlich verkennen, aber das tat Cobain oft selbst - etwa wenn er glaubte, sein Rebellentum in dem «Industrie-Moloch» erhalten und die Major Labels von innen stürzen zu können, um schließlich zu merken: «Alles, was wir dafür bekamen, waren Stress, Intrigen und Pearl Jam.» - Als ihm 1993 vier seiner Notizblöcke gestohlen worden waren, war er äußerst wütend: «Das Kränkendste, was mir dieses Jahr widerfahren ist, waren nicht die Übertreibungen in den Medien oder der hämische Klatsch, sondern der Raub meiner persönlichen Gedanken.»

So stellt sich fast schon wieder die Frage, ob ihm das Fehlen gewisser Texte in den veröffentlichten «Tagebüchern», für die Courtney Love vier Millionen Dollar kassiert haben soll, nicht sogar sehr recht gewesen wäre. Die offenkundigste Lücke jedenfalls bildet die «Strange Love» - wie Lynn Hirschberg mit maliziösem Doppelsinn 1992 in «Vanity Fair» über Courtney Love und ihr Verhältnis zu Cobain witzelte. Ein kurzer Liebesbrief an Courtney («Du hast mir beigebracht, dass es okay ist, ein Mann zu sein») sowie ein Brief an «eMptyTV» sind die einzigen Zeugnisse ihres Verhältnisses. In der wütenden Epistel an den Musikkanal wehrt sich Cobain, dass Courtney Love mit Yoko Ono verglichen wurde.

Recht aufschlussreich sind die «Tagebücher» in Bezug auf Nirvanas Kometenbahn. Immer wieder beschwor Kurt Cobain seine musikalischen Wurzeln. Das war anfangs wichtig, um sich überhaupt durchzusetzen. Mit wachsendem Erfolg aber ging es immer mehr darum, die stilistische Orientierung nicht zu verlieren. Cobains oft zornige, von Widersprüchen nicht freie Tiraden über das Musikbusiness zeigen, wie beharrlich er gegen seine «gefräßigen» Mechanismen rebellierte. Vielleicht bringt die Ambivalenz dieser Versuche das Dilemma seiner Musikergeneration am stärksten zum Ausdruck: Sie befand sich Anfang der neunziger Jahre in einer Zwickmühle zwischen Erfolgsdruck und subkulturellem Oppositionsgeist.

Wie jeder neue Underground-Sound war auch der Punkrock von Nirvana gleichzeitig zweierlei: eine politische Attacke gegen die etablierte Welt - und ein Akt musikalischer Abgrenzung gegen die vorangegangenen Generationen. Den New- Wave-, Punk- und Heavy-Metal-Mainstream der achtziger Jahre betrachtete er als «Great Rock'n'Roll-Swindle», den er außerdem stets mit dem verhassten Klima der Reagan-Ära seiner Jugend assoziierte: «Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich Pete Townshend werde.» Es ist bezeichnend, wie allergisch er reagierte, als Nirvana schließlich mit «Grunge» selbst das Label «einer griffig verpackten Industrie-Rebellion» aufgedrückt wurde.

So nüchtern seine Befunde über Pop sein konnten, so radikal blieb seine politische Rhetorik. Der Erfolg scheint seine ohnmächtige Wut auf das Amerika der «weißen Männer», der Republikaner und «haarigen, verschwitzten, sexistischen Macho-Schwanzgesichter» sogar noch verstärkt zu haben. Nach dem «Desert Storm», dem zweiten Golfkrieg - just zur gleichen Zeit feierte Nirvana den Erfolg von «Nevermind» - erwog er, auf der Bühne amerikanische Flaggen zu verbrennen. Sein Zorn entlud sich in Gewaltphantasien: «Die Wall Street liegt unter dem Schutt der Revolution begraben, eure Kinder haben die Macht übernommen, ihr seid gewarnt, die Repräsentanten der Gefräßigkeit haben 24 Stunden, ihre Lebensweise in Ordnung zu bringen oder abzuhauen, oder sie werden ausgejätet und durch einen Nackenschlag mit der Hacke getötet, um Patronen zu sparen.»

Mit solchen Greuelbildern provozierte er aber vor allem Schuldgefühle. Überhaupt waren seine kruden Phantasien nicht nur von politischer Radikalität gespeist. Wie ein roter Faden zieht sich das gedankliche Spiel mit dem Selbstmord durch seine Notizen: Ein Text erinnert etwa an eine Episode während der Highschool-Zeit in Aberdeen, Washington, wo er sich eines Nachts auf die Schienen legte, der Zug aber auf dem Nebengleis vorbeirollte. Es scheint wie ein düsteres Vorzeichen, dass er zu seiner ersten Gitarre kam, indem er einige Waffen seines Vaters versetzte. Sex, Drugs und Rock'n'Roll waren für ihn Masken auf weit unheimlicheren Gesichtern.

«You Know You're Right», das bisher nur als Bootleg kursierende einzige neue Stück auf der neuen eben herausgekommenen Nirvana-CD, «Nirvana», gehört zu den stärksten überhaupt. Es ist eine Abschiedsballade. Ob sich Cobains nun durch seine gescheiterte Ehe oder durch eigene Existenzqual zu ihr inspirieren ließ - wenn er das Wort «pain» herausschreit und den Schmerz dann fünfzehn Mal mit dem tief zerknirschten «You know you're right» bedeckt, bevor es in «You know your rights» übergeht, dann klingt auch das noch einmal wie eine Generalattacke auf die Welt. - Als Kurt Cobain am 5. April 1994 statt zur Gitarre wieder zur Waffe griff, schloss sich ein Kreis.

28.11.02

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